Vor Jahren war jemensch aus dem Autor*innenteam mal als besuchende Person bei einer Infoveranstaltung im Conne Island, bei dem auch antifaschistische Gruppen aus Leipzig auf dem Podium waren. Aus einem, in einem Gedächtnisloch verschwundenen, Anlass fragte irgendein jemensch, der ans offene Mikrophon getreten war, wie die gerade vorgestellte Gruppe es mit Israel halte. Die Antwort lautete ungefähr, dass man eine lokale Organisation sei und sich nicht intensiv mit dem Thema befasse bzw. dieses für die lokale antifaschistische Arbeit weitgehend irrelevant sei. Welch Position nun einzelne Mitstreitende, in der Gruppe, konkret vertreten würden (welche jene mind. großteils selbstredend haben), werde nicht erfragt. Im Übrigen wies die, die Gruppe vertretende, Person darauf hin, ändere eine wie immer geartete Positionierung nichts an politischen Gegebenheiten (in Israel und den Palästinensergebieten), wie auch immer sie gesehen würden.
Der fragenden Person kam dieses vielleicht wie eine Nicht-Antwort vor, potentiell hätte sie sicher gern eine entweder-oder Positionierung gehört. Im ersten Moment kam dies dem Autor*innenteam-Mitglied auch so vor. Doch nach längerem Nachdenken erschien dies plausibel. Gerade heute ist das umso deutlicher. An einem konkreten Beispiel. Welche Relevanz hat eine dezidiert antifaschistische, lokale Gruppe auf die Politik? Der Stadt, des Landes, ja gar international? Eine so verschwindend geringe, dass sie genauso im großen Ganzen nullifiziert werden kann. Nun ist das, wie bekundet, auch gar nicht deren Anspruch.

Bildquelle:
von Elke Wetzig, „Gegen jeden Antisemitismus! Reclaim Antifa, Köln-Ehrenfeld“ https://commons.m.wikimedia.org/wiki/File:Gegen_jeden_Antisemitismus!_Reclaim_Antifa,_K%C3%B6ln-Ehrenfeld_-_8402.jpg
Im Atari, im Leipziger Osten, fand am 06.08.2024 ein Vortrag statt, zum Thema „Is Palestine a feminist issue? Zur Verschränkung von (Queer-)Feminismus und Antisemitismus“, gehalten von Cordula Trunk. Im Link kann dessen Inhalt (von einer andern Veranstaltung) nachgehört werden. Wer dies tut, wird feststellen, dass hier Vorgestelltes differenziert, sachlich und in der Perspektive der Betrachtung konsistent ist, die Autor*innen können das Nachhören nur empfehlen. Wer andrer Meinung ist, bestimmte Punkte diskutieren möchte, erhielt im Anschluss an die Aufzeichnung Gelegenheit sich zu äußern, wie dieses auch für den Vortrag im Atari geplant war und trotz allem was folgte umgesetzt wurde.
Copyright bei Cordula.Trunk
Doch, so berichten Vertreter*innen des Atari und die Veranstaltenden Punks against Antisemitsm, wollten Besuchende des Vortrags nicht so lange warten, sich zu Wort zu melden. Was sie vermeldeten war, so die Berichte, eine Leugnung von (gezielten) Vergewaltigungen während des Angriffs der Hamas am 07ten Oktober 2023 durch ihre Kämpfer. Eine durch die Terroristen selbst auf Videos festgehaltene Tatsache. Hierauf wurde eine Person des Vortrages verwiesen, dabei kam es zu einem Gerangel (nachdem die Person auf verbale Verweise nicht reagierte und andere, die mit der verwiesenen Person, scheint es, bekannt waren ihrerseits handgreiflich wurden). Detailreich beschreiben dies die Punks against Antisemitsm in ihrem einzigen sachlich gehaltenen Instagram-Post. Die Lektüre sei anempfohlen, wird sich hier doch mit den Lügen die über die Ereignisse hinterher durch das Netz gingen beschäftigt.
Im selben Post werden die konkreten Ereignisse in den Kontext anderer gestellt, was ein Muster erkenntlich werden lasse. Die gezielte Störung von Veranstaltungen, die die beabsichtigte Ausladung der Störenden zur Folge hat. Um dieses dann in sozialen Medien zu skandalisieren und unter Verzerrung der Tatsachen und verleumderisch in der Darstellungen der Akteure einen Hype zu entwickeln, der zu einer Aufmerksamkeit führt, welche zielsicher genutzt wird sich als arme, misshandelte Opfer darzustellen. Und die Opponenten als Täter.
Am Folgetag kam es zu einer Kundgebung vorm Atari, als Folge eines kampagnenartigen Aufgreifens der den Vortrag betreffenden Falschdarstellungen, von Gruppen wie „Handala Leipzig“, „JID Leipzig“, „Students for Palestine Leipzig“ und „Palestine Campus Leipzig“, so heißt es im Statement des Atari. Mitglieder des Atari wurden hier diffamiert, online auch Zuhörende des Vortrags. Der vortragenden Person wurden( und werden) Dinge unterstellt die nachhörbar nicht in dem Vortrag sind.
Am 28ten November nun fanden Atari-Betreibende auf ihrer Außenwand „Zios töten“ gesprüht, zusammen mit roten Dreiecken, einem Zeichen der Markierung von Feinden, durch die Hamas. Ähnlich wie das Atari durch obige Gruppen als zionistisch, IDF-Sympatisanten und vieles mehr markiert wurde. Natürlich lässt sich vom anonymen Gesprühten keine direkte Verbindung zu Gruppen oder Ereignissen ziehen, doch ist ein Mordaufruf eine Qualität und Intention die eben jener Hamas und ihren terroristischen Taktiken und Ideologie-Segmenten erschreckend nah kommt. Und das Atari stellt eine sehr berechtigte Frage. Wem nützt so etwas, welcher politische Gewinn wird davon erhofft?
Und dies ist der springende Punkt. Wiederum die Autor*innen erlebten bei einer Großdemo in Leipzig gegen die AfD dasselbe Spiel. Eine verhältnismäßig winzige Gruppe von Menschen, sich in Transpis hüllend und einen so abgesonderten Zug bildend, brüllte z.T. antisemitische Slogans („from the river to the sea…“), inmitten die Reden hinein, welche von der Bühne auf dem Augustusplatz kamen, das Hören dieser verunmöglichend, all so störend und provokativ Reaktionen erhoffend. Es flogen vereinzelt Schneebälle auf sie. Die Reaktion der Umstehenden war ablehnend. Es ging an dem Tag um die Gefahr durch die AfD, nicht um den Nahostkonflikt. Die so auf der falschen Veranstaltung Demonstrierenden erreichten dennoch ihr Ziel, hinterher darüber klagen zu können, dass sie angegriffen worden seien. Mithin sich als Opfer aufzuspielen. Jede durch eigenes Verhalten erzwungene Gelegenheit schaffend und zur Propagierung nutzend.
Zuspitzung statt Diskurs herbeiführend, Spaltung bestrebend, Empörung schaffend, Emotionalität transportierend, Emotionen (nicht kritische Untersuchung) hervorzurufen. Anschlussfähigkeit zu, in der Bevölkerung vorhandenen, Ressentiments zu schaffen, für eigne Ziele, die Dämonisierung Israels als den „Juden unter den Staaten“.
Im Kleinen mag das sinnlos wirken. Israels Regierung, Israels Militär, die Terroristen der Hamas, ihre Unterstützer*innen könnten von der Schädigung des Rufs des Ataris in Leipzig in keiner Weise profitieren oder betroffen sein. Doch ist es eine Drohung, in die im weitesten Sinne „emanzipatorische“ Szene hinein: Wenn Y durch euch veranstaltet wird, wenn ihr zu den Themen ABC Veranstaltungen macht, dann könnte euch Z passieren. Zudem ist die so vermeintlich effektive Aktionsform, die Erzeugung von Hype auf Social Media, ein Rekrutierungselement. Es ist Kulturkampf, mit dem Ziel der Unzulässigkeit des Dissens in diesem einen Thema, das als relativ omnipotent betrachtet und propagiert wird. All so die Verunmöglichung des offenen Diskurses und der kritischen Auseinandersetzung. Autoritär und Dogmatisch.
Das Atari hat mit der Bereitstellung seiner Räumlichkeit für die Veranstaltung der Punks against antisemitism genau einen solchen Raum geboten, des Diskurses der auch Dissens erlaubt hätte. Wem es nicht gefällt stand offen zu sprechen, zu gehen, gar nicht erst da zu sein. Doch schon das ist scheinbar für bestimmte Gruppen ein Problem.
Deshalb: Solidarität mit dem Atari! Solidarität mit den Punks Against Antisemitism
weitere Quellen: https://tumulte.org/2024/12/articles/statement-zu-den-angriffen-auf-das-atari-2024/
